BERICHTE PSYCHIATRIE ERFAHREN GRUPPEN IN DEUTSCHLAND:

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(Die Mipe distanziert sich vom dierekten Wortlaut da die Berichte von den Betrefenden Gruppen.....)

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Heute sitze ich bei der Düsseldorfer Tagung
"Psychosoziale Dekonstruktion im Neoliberalismus"
auf einem der Podien.

Das zugehörige Flugblatt findet Ihr unten und
in der Anlage. Die andere Hälfte unserer NRW-
Mannschaft verteilt heute in Siegen beim FDP-
Landesparteitag die Euch bekannten 4-seitigen Flugis.
Am Fr, 26.2. haben wir auf dem SPD-Landespartei-
tag in Dortmund verteilt.

Am Mi, 3. März haben wir die ganz unten stehende
(auch in der Anlage) Stellungnahme zum PsychKG NRW
abgegeben.

Die Arbeiter haben sich Rechte erkämpft.
Die Frauen haben sich Rechte erkämpft.
Die Schwulen haben sich Rechte erkämpft.
Auch wir Psychiatrie-Erfahrenen werden uns Rechte erkämpfen.

In diesem Sinne grüßt Euch herzlich                     Matthias


Psychiatrie ist unser Problem
Psychiatrie ist auch ohne Neoliberalismus ein Terrorsystem

Das zeigt die Geschichte der Psychiatrie. Sie ist eine Geschichte der Missachtung, der Misshandlung, der Folter und des Massenmords. Nur die heutigen Methoden finden wir normal und gut und richtig. Dabei vergessen wir, dass auch die Menschen vor 140 oder vor 70 Jahren ihren Umgang mit den „psychisch Kranken“ normal und gut und richtig fanden. Selbst bei der Hexenverfolgung wurde argumentiert, man handle zum Wohl (es ging ums Seelenheil) der gefolterten und gemordeten Hexen.

Es ist für uns Bürger eines demokratischen Rechtsstaats schwer vorstellbar, dass bei uns jedes Jahr Tausende Mitbürger durch Psychopharmaka getötet werden. So wollen wir die Wirklichkeit nicht sehen. „Wie kannst Du noch ruhig schlafen, wenn Du die Welt so siehst?“

Aber er ist keine Frage der Sichtweise, ob die Lebenserwartung dauerhaft Psychiatrisierter gegenüber der durchschnittlichen Lebenserwartung um 25 Jahre verkürzt ist. Das kann man nachzählen.


Warum dann aber Psychiatrie?

Wer den mit psychiatrischen Diagnosen inszenierten Humbug kennt, weiß, dass es sich um Menschen handelt, welche unter die Räder der modernen „Wohlstands-gesellschaft“ geraten sind: Auf Teufel komm raus wird produziert, zum Konsum verführt und Abfall beseitigt. Damit alles wie geschmiert läuft, müssen an den Untauglichen und Aussteigenden und Gefallenen scharfe Exempel statuiert werden, damit die Funktionierenden haargenau wissen, was ihnen blüht, falls sie sich nicht in die Riemen legen.

Unter www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de können sie beginnen sich kundig zu machen. Jede/r kann heute so gebildet wie Kant oder Leibniz sein. Doch der ruhige Schlaf ist uns wichtiger als die Wahrheit.

Sie erreichen mich beim Landesverband Psychiatrie-Erfahrener (LPE) NRW, Wittener Str. 87, 44 789 Bochum, 0234 / 640 5102, Matthias.Seibt@psychiatrie-erfahrene-nrw.de.

V.i.S.d.P.: Matthias Seibt, Landgrafenstr. 16, 44 652 Herne




Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.
Wittener Str. 87
44 789 Bochum
Tel 0234 / 640 51-02   Fax -03
Matthias.Seibt@psychiatrie-erfahrene-nrw.de


                                                            26. Februar 2010

Betr.: Unsere Stellungnahme zum Bericht der Landesregierung über Erfahrungen mit dem PsychKG, Vorlage 14/3045-Anlage 4


Sehr geehrte Frau van Dinther,
sehr geehrter Herr Laumann,
sehr geehrter Herr Garbrecht,

es ist keinesfalls so, dass „die Regelungen des nordrhein-westfälischen PsychKG sachgerecht sind und sich grundsätzlich bewährt haben“.
Es besteht grundlegender Änderungsbedarf.

Es fand schon immer und findet immer noch unmenschliche und erniedrigende Behandlung in den Psychiatrien des Landes NRW statt. Beweis:
Die Lebenserwartung dauerhaft psychiatrisierter Menschen ist um 25 Jahre gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt verkürzt . Zwangsunterbringungen
und Zwangsbehandlungen nehmen seit 1975  kontinuierlich zu.
Die europäische Antifolterkommission von 1987 hat daran nichts geändert.

Das NRW-PsychKG entspricht nicht den Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention. Dort steht in Artikel 14 (1) b „dass das Vorliegen einer
Behinderung in keinem Fall eine Freiheitsentziehung rechtfertigt“. Böswillige Interpreten lesen diesen Text „dass allein das Vorliegen einer Behinderung ….“.
Das Wort „allein“ steht dort aber nicht.
Das PsychKG ist ein Sondergesetz gegen psychisch Kranke und geistig Behinderte. Nach UN-Behindertenkonvention wäre nur ein allgemeines Gefahrenabwehrgesetz
für alle Bürger zulässig. Von diesem allgemeinen Gefahrenabwehrgesetz wären dann auch psychisch Kranke und geistig Behinderte betroffen.

Falls Ihnen die Diskriminierung psychisch Kranker und geistig Behinderter  in Fleisch und Blut übergegangen ist: Ersetzen Sie das Wort psychisch Krank durch Jude/jüdisch
und geistig behindert durch Türke/türkisch. Hielten Sie ein solches Gesetz noch für zulässig?

Übrigens ist die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte der gleichen Ansicht wie wir. Sie schrieb im Herbst 2009: „The existence of a disability shall in no case justify a deprivation of liberty.
Persons with disabilities have the right to live in the community. In violation of relevant international standards, in many legal systems persons with disabilities, and especially persons with mental and intellectual disabilities, are deprived of their liberty simply on the grounds of their disability. Such disability is sometimes used to justify preventive detention measures on the grounds that the person with a disability might cause harm to himself or to others.
In other cases, persons with disabilities are deprived of their liberty for their care and treatment. All such practices, policies and laws are in contravention of existing international standards.
The Convention on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD) states clearly that deprivation of liberty based on the existence of a disability is contrary to international human rights law, is intrinsically discriminatory, and is therefore unlawful. Such unlawfulness also extends to situations where additional grounds—such as the need for care, treatment and the safety of the person or the community—are used to justify deprivation of liberty,”

Bitte den letzten Satz sich auf der Zunge (und besser noch im Kopf) zergehen lassen.


Die Rechtsstellung der Betroffenen wurde durch die Neufassung des PsychKG 1999 nicht im geringsten gestärkt. Beweis: Die Explosion der Zwangsunterbringungen-
und behandlungen .
Dieser Anstieg wurde möglich durch Gummiformulierungen im PsychKG NRW wie „Gefährdung bedeutender Rechtsgüter anderer“ statt Fremdgefährdung.
Oder: „Eintritt (des schadenstiftenden Ereignisses) zwar unvorhersehbar, wegen besonderer Umstände jedoch jederzeit zu erwarten ist“.
Beide Zitate aus § 11 PsychKG NRW.

§ 14 PsychKG – Sofortige Unterbringung sollte nach Willen des Gesetzgebers die Ausnahme sein, ist aber zu über 90% die Regel. Der Betroffene wird mit Neuroleptika 
und anderen Psychopharmaka zugedröhnt dem Richter vorgeführt.
§ 136a StPO sagt:
(1) Die Freiheit der Willensentschließung und der Willensbetätigung des Beschuldigten darf nicht beeinträchtigt werden durch Misshandlung, durch Ermüdung,
durch körperlichen Eingriff, durch Verabreichung von Mitteln, durch Quälerei, durch Täuschung oder durch Hypnose. Zwang darf nur angewandt werden, soweit
das Strafverfahrensrecht dies zulässt,
Das PsychKG stellt uns also schlechter als mutmaßliche Straftäter.
Ferner widerspricht § 14 PsychKG (vor allem als Regelfall) Art. 103, Abs. 1 GG:
(1) Vor Gericht hat jedermann Anspruch auf rechtliches Gehör.
Diese Praxis widerspricht außerdem dem Geist von Art. 6 der europäischen Menschenrechtskonvention.

Die Besuchskommissionen sind eine Farce, wie wir als Teilnehmer derselben feststellen mussten. Todesfälle stellen keine besonderen Ereignisse dar. Versuchen die
PE-Mitglieder bei Todesfällen nachzuhaken, blockiert der Rest der Kommission. Seit Jahrzehnten ist es die Regel, dass die Besuchskommission jedes Jahr in derselben
oder einer benachbarten Kalenderwoche „unangemeldet“ auftaucht. Manchmal stehen schon Getränke und Gebäck bereit.


Ich glaube, wir können hier Schluss machen. Der Bericht der Landesregierung wäre ein guter Witz, wenn es nicht um Leben und Tod ginge. Wir verlangen eine offizielle
landesweite Todesfallstatistik aller psychiatrisch Behandelten. Wenn es so positiv ist, wie Sie sagen, wovor haben Sie Angst?

Für den Vorstand des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.



(Matthias Seibt)        (Martin Mayeres)            (Friedrich Schuster) 

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HOCH